Barbara Haag-Zellweger
Journey
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Der angekettete Elefant
Traurigkeit und Wut
Die Stadt der Brunnen
In Kürze
Reserve


Traurigkeit und Wut

 TRAURIGKEIT UND WUT

In einem zauberhaften Königreich, das der Mensch nie-
mals betreten wird oder das er womöglich ständig
durchquert, ohne sich dessen bewusst zu sein …

In einem Zauberkönigreich, wo die unsichtbaren Dinge
wieder Gestalt annehmen …
 
War einmal ein …
… wunderbarer kleiner See.
 
Es war eine Lagune von glasklarem Wasser, in dem sich
tausenderlei Grüntöne spiegelten, und Fische schwam-
men darin in allen Farben dieser Welt.
In diesem klaren Zaubersee wollten die Traurigkeit und
die Wut in stiller Eintracht ein Bad nehmen.
Die beiden legten ihre Anzüge ab und stiegen nackt
ins Wasser.
Die Wut, die es – wie immer – grundlos eilig hatte,
nahm ein schnelles Bad, und genauso schnell war sie
dem Wasser auch schon wieder entstiegen.
Doch die Wut ist blind, zumindest weiss sie sich in
der Realität nicht so gut zurechtfinden, also zog sie,
splitternackt und in Eile, beim Herauskommen den erst-
besten Anzug an, den sie zu fassen bekam.
So geschah es, dass sie nicht in ihren eigenen, sondern
in den Anzug der Traurigkeit geschlüpft war.
  Und als Traurigkeit wieder verkleidet, ging die Wut davon.
 
In aller Ruhe und Bedächtigkeit, bereit, wo sie sich ge-
rade aufhielt, auch ein wenig zu verweilen, beendete die
Traurigkeit ihr Bad, und ohne auch nur einen Gedanken
an die vergangene Zeit zu verschwenden, stieg sie lang-
sam und behäbig aus dem Wasser.
   Am Ufer bemerkte sie, dass ihre Kleider nicht mehr
da waren.
   Wie wir alle wissen, gibt es kaum etwas, das der Trau-
rigkeit unangenehmer wäre als ihre Blösse. Also zog sie
die einzigen Kleider an, die sie finden konnte: den An-
zug der Wut.
 
Man erzählt sich, dass man seitdem manchmal auf eine
blinde, grausame, furchtbare und hemmungslose Wut
stösst. Aber nimmt man sich die Zeit und schaut etwas
genauer hin, so wird man bemerken, dass diese Wut nur
eine Verkleidung ist und dass sich hinter dieser Verklei-
dung in Wahrheit die Traurigkeit verbirgt.
 
 
aus „Geschichten zum Nachdenken“
von Jorge Bucay 

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